"Blicken wir zurück auf die deutsche Geschichte dieses Jahrhunderts, so wissen auch wir Schwule, was Faschismus bedeutet.
Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden schwule Männer zu Tausenden verhaftet und in die Konzentrationslager gesteckt. Gekennzeichnet mit dem ROSA WINKEL rangierten sie am untersten Ende der Lagerhierarchie. Sie wurden in Verhören grausam gefoltert und bei Menschenversuchen geistig und körperlich verstümmelt. Sie waren die Haßobjekte nicht nur der Wachmannschaften, sondern auch ihrer Mithäftlinge.
Ein Drittel der schätzungsweise 50000 Schwulen in den Lagern der Nazis überlebte die Torturen nicht. In der Tat wissen wir Schwule, welches Schicksal Faschisten für uns bereithalten, wenn wir ihnen die Chance, Macht über uns zu erlangen, erneut in die Hände legen.
Wir wissen es, auch wenn rechtsextreme Politiker hierzulande ihre Meinung über Andersdenkende und Andersartige nicht in so deutliche Worte fassen, wie erst jüngst ihre italienischen Gesinnungsgenossen.
Dort darf ein Politiker, dessen neofaschistische Partei sogar an der Regierung beteiligt ist, bereits wieder unverblümt und ungestraft die Unterbringung Homosexueller in KZ's fordern. Die Formulierungen deutscher Rechter, mit denen sie gegen Schwule und Lesben mobil machen, fallen da noch vergleichsweise moderat aus.
Wenn die Republikaner beispielsweise "eine Aufweichung des Familienbegriffs - etwa durch die Anerkennung sogenannter Schwulen- und Lesbenehen aufs Schärfste" ablehnen (so verankert in ihrem Parteiprogramm 1993), unterscheidet sich eine solche Äußerung im Tonfall kaum von denen einzelner Politiker der großen Volksparteien, und auch nicht von denen zahlreicher Vertreter der Kirche.
Sind unsere Rechtsextremen vielleicht gar nicht mehr so schlimm? Haben sie denn nicht auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung auf ihre Fahnen geheftet? Kann uns dieser Umstand beruhigen?
Im Gegenteil! Die Tatsache, daß sich Etablierte derselben Terminologie bedienen wie Neofaschisten, zeigt lediglich einmal mehr, inwieweit Homosexualität als Abweichung von der Norm für viele noch immer eine Bedrohung ist.
Mehr Aufsehen als die in Worte gefassten Diskriminierungen der Politiker erregen die gewalttätigen Aktionen neo-faschistischer Schlägertrupps. Es vergeht kaum eine Woche, wo nicht irgendwo in der bundesdeutschen Presse von Übergriffen gegen schwule Einrichtungen oder Personen die Rede ist. Auch hier bei uns in Freiburg erfreut sich das "Schwulenklatschen" im Park und an anderen Treffpunkten wachsender Beliebtheit bei den Nachwuchsfaschos.
Alleine die Sprache sagt viel: Schwule klatschen! Auch Fliegen und anderes Ungeziefer klatscht man oder man rottet es aus.
Diese Gewalttaten bleiben meist ungeahndet, nicht zuletzt weil auch das schwule Opfer sich allzu leicht in die Rolle des Ungeziefers fügt. Wird dennoch Anzeige erstattet und es kommt zur Ergreifung des meist jugendlichen Täters, wen wundert es, wenn sich dieser dann vor Gericht auf die schwulenfeindlichen Äußerungen seiner Politiker beruft.
Der von den Nazis des 3. Reiches in Form gebrachte §175 galt bis ins Jahr 1969 unverändert. Auch nach Kriegsende brachte er viele Schwule, die das KZ überlebt hatten erneut in deutsche Gefängnisse. Erst vor wenigen Wochen wurde er endgültig gestrichen.
Dennoch gehen Diskriminierungen weiter:
Offen schwul lebende Lehrer und Erzieher haben Schwierigkeiten mit ihren Arbeitgebern und werden oft genug gekündigt.
Aufklärung über schwul-lesbische Lebensformen ist an den Schulen Baden- Württembergs nicht erlaubt.
Jugendliche Skinheads haben ihren ersten Kontakt mit Schwulen meist erst dann, wenn sie draufschlagen. Unser Staat schützt sie vor einer früheren Auseinandersetzung, zu einem Zeitpunkt, wo ihr Bild vielleicht noch veränderbar wäre. Die Begründung ist dieselbe wie zu den Zeiten der Nazis: Schwule verführen unsere Kinder!
Weil Vorurteile von vielen unseren Politikern immer noch schön gepflegt und verbreitet werden, haben es Faschos auch so leicht, ihre Gewaltausbrüche gegen Schwule abzulassen.
An dieser Stelle könnte ich genauso von Ausländern sprechen.
Eins möchte ich jedoch noch zu bedenken geben:
Es ist einfach meine ganze Wut, gegen Neonazis und ihre gedanklichen Förderer zu richten. Der Feind wäre geortet und Euer Beifall wäre mir gewiß. Aber ich denke wir sollten auch auf uns schauen.
Interessiert uns der Schwule der blutig geschlagen wurde? Oder der Ausländer, der abgestochen wurde? Oder interessiert er nur, weil wir uns empören können?
Wieviel Verständnis seid Ihr selber bereit aufzubringen, wenn Ihr schwulem Leben begegnet: z.B. im Park oder auf der Klappe? Wollt Ihr diese Realität akzeptieren, auch wenn sie Euch zunächst fremd erscheint? Oder wendet Ihr Euch kopfschüttelnd ab: Das ist doch nicht normal, die sind doch abartig!
Ich will keine Schuldgefühle wecken. Ich will andeuten, welche Erfahrungen ein Schwuler auch in progressiven Kreisen, und selbst auch in den eigenen Reihen, machen kann.
Die Angst vor der Bedrohung der Normalität durch Fremdes und Andersartiges, insbesondere durch andersartige Sexualität, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und die Gesellschaft bis hin zu uns.
Wenn ich fordere: Keine Toleranz gegenüber Nazis!, dann mit Wissen um unsere eigenen Verstrickungen. Wir wollen unser schwules Leben weiterleben, ohne Angst vor faschistischer Gewalt!
Kein Versammlungsrecht für Nazis!
Rosa Hilfe Freiburg e.V.
9.9.1994"