"Am 26. Mai ist es wieder soweit: im Waldsee durchzittern wir bei Käseigel, Sekt und Blick auf die Großbildleinwand die Punktevergabe der europäischen Länder. Auch wenn unser Star Lena 2011 keinen Blumentopf mehr gewinnen konnte, wollen wir doch hoffen, dass es dieses Jahr mit Roman wieder besser läuft. Das „Satellite“-Wunder wird sich wohl so schnell nicht wiederholen lassen.
Wer sich in den vergangen Monaten mit den Berichten über die Vorbereitungen zum Eurovision Song Contest (ESC) beschäftigt hat, dem ist bekannt: Aserbaidschan ist nicht grade ein Vorreiter in Sachen Menschenrechte und verlässliche Demokratie. Laut Reporter ohne Grenzen steht Aserbaidschan in der Liste der Pressefreiheit auf Platz 152. Das ist noch hinter Ländern wie Irak und Afghanistan! Zudem wurde berichtet, dass nahezu sämtliche Wahlen nach 1991 (Unabhängigkeit von der UdSSR) in Aserbaidschan undemokratisch abliefen.
Ähnlich mau sieht es im diesjährigen ESC-Gastgeberland in Sachen Schwulenrechte aus. Das ureigentliche Hauptklientel des Grand Prix Eurovision de la Chanson sind die Schwulen. Wir hatten und haben doch immer am meisten Spaß mit Nicole und Co. – und in Baku könnte einen genau dieser Spaß das Leben kosten. „Standing still“, der Titel des deutschen Beitrages, ist für die Rosa Hilfe Freiburg kein passendes Motto. Als Veranstalter der größten Party zum ESC sieht sie sich dieses Jahr in der Zwickmühle aus fröhlicher Feiertradition und Verantwortung gegenüber Schwulen und Lesben in der ehemaligen Sowjetrepublik. Man wünscht sich, dass auch am kaspischen Meer „ein bisschen Frieden“ einkehrt und dort mehr für die Umsetzung von Menschenrechten und für eine verlässliche demokratische Gesellschaft getan wird.
Aktuell laufen Gespräche über die Kritik an den Vorbereitungen zum ESC in Baku. Unter anderem wird berichtet, dass für den Bau der ESC-Arena Menschen aus ihren Häusern verjagt wurden. Statt Entschädigungen gab es „Beschützer“, die der Staat zu den Leuten schickte... Zusammen mit anderen Organisationen will die Rosa Hilfe über die Probleme in Baku aufklären und trotzdem Raum zum Feiern bieten. Als gesetzt gilt, dass ein Teil der Eintrittsgelder des ESC-Specials vom 26. Mai als Spende an eine Schwulenrechtsorganisation in Aserbaidschan gehen. Noch ist nicht klar an welche – und zwar weil es vor lauter Panik und Gefahr für die Akteure dort kaum noch Akteure gibt. Scha(n)de.
Sabina Babayeva singt am 26. Mai für Aserbaidschan. Sie gibt sich in der Presse völlig unpolitisch, schwärmt von Ihrem Geländewagen und den „Shopping possibilities in Germany“. Zur Politik in ihrem Land äußert sie sich nicht. Natürlich muss ein Sänger kein Politiker sein. Wer aber beim ESC im Finale antritt, der hat genug Publikum und Stimme, um wenigstens einen Satz zur Situation in Baku zu sagen. Roman, Nina, Pastora, Engelbert – was sagt ihr? Wollen wir hoffen, dass sich zur Feierlaune über die neuen Songs auch Freude über positive Veränderungen aus Vorderasien mischen darf. Das wäre uns „douze Points“ wert!"
Text von rosahilfefreiburg.de (über waybackmachine, safe vom 03.05.2012)