40 Jahre

2000

15 Jahre Rosa Hilfe und Aids Hilfe

1. November
#vereinsarbeit | #aktivismus | #erinnerungsarbeit | #events
Texte in SiF zum Jubiläum der Rosa Hilfe und der AIDS-Hilfe

15 Jahre Rosa Hilfe & AIDS-Hilfe

Die beiden großen Freiburger Vereine, die beide in diesem Jahr ihr 15jähriges Bestehen haben, wurden unabhängig von einander gegründet. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Gemeinsamkeiten, Berührungspunkte und somit Möglichkeiten zur Zusammenarbeit – aber auch Meinungsverschiedenheiten. Oft wurden die beiden Organisationen in der Freiburger Öffentlichkeit miteinander verwechselt oder in einen Topf geworfen. Nun feiern sie beide zusammen: den Auftakt macht das Gastkonzert Georgette Dee am 16.11. im Stadttheater, den finalen Höhepunkt bildet eine gemeinsame Fete am 2.12. (ein Tag nach dem Welt-AIDS-Tag) in der Jackson-Pollock-Bar im Freiburger Theater.

Zu den beiden Vereinen folgen 2 ganz persönliche Berichte:

Ein langer Weg

Eigentlich war es purer Zufall, dass ich vor 15 Jahren Gründungsmitglied der Rosa Hilfe geworden bin. Nach einigen persönlichen Wirrungen (erst schwul, dann hetero, dann endlich wirklich schwul) war ich zur Schwulenfilmwoche gegangen und hatte nette Leute kennengelernt.

Es dauerte nicht lange, und ich begann eine Beziehung mit einem der jungen Männer. Wir waren noch nicht lange zusammen und ich hatte gerade die Nacht bei ihm verbracht, da kamen am Morgen nach und nach 5 Schwule zum Frühstück. Nur der 6. ließ auf sich warten, was sehr bedauerlich war, denn das deutsche Vereinsrecht duldet keine Gründung mit 6 Mitgliedern. Mittlerweile hatte auch ich erfahren, dass die Gründung der Rosa Hilfe geplant sei, und da ich mir mittlerweile über mein Schwulsein wirklich sicher war, unterschrieb ich die Gründungsurkunde ohne Zögern.

Von den anderen Gründungsmitgliedern befindet sich meines Wissens niemand mehr in Freiburg, doch im Nachhinein kann man sagen, wie weise der Entschluß gewesen ist, sich als Verein zu konstituieren. Beabsichtigt war nämlich, eine Struktur zu schaffen, die unabhängig von einzelnen Personen ist und damit nicht das Schicksal der kurzlebigen Vorgänger teilen sollte.

Heute besteht die Rosa Hilfe länger als alle ihr Vorgänger zusammen. Der Name ist bis heute Programm geblieben, das Hilfsangebot, nach der Gründung beständig ausgeweitet, besteht aus der Beratung (die immer noch notwendig ist) und Coming-Out-Gruppen - neben vielen anderen Tätigkeiten, die der Sichtbarmachung der Schwulen in der Öffentlichkeit dienen. Erstaunlicherweise ist diese Arbeit nach wie vor notwendig, auch wenn das Spektrum der hierbei tätigen Gruppen mittlerweile breiter geworden ist, so z.B. durch die - glücklicherweise sehr aktiv gewordenen - Lesben, das WHK, den rosa-lila runden Tisch bzw. sogar einen schwulen Stadtrat.

Doch auch wenn die Zahl der offen schwulen-feindlich auftretenden Menschen weniger geworden ist, so gibt es immer noch die Diffamierung des Schweigens und der Nicht-Wahrnehmung, so etwa in den Schulen oder in den Betrieben. Selbst die jetzige Bundesregierung kann sich eine Verbesserung unserer Situation nicht in einer wirklichen Gleichstellung vorstellen, sondern nur in einer lesbisch-schwulen Sondergesetzgebung.

Von meinem Traum, dass Menschen ganz entspannt in ihre lesbische oder schwule Pubertät hineinwachsen, von Eltern und Gesellschaft akzeptiert, sind wir immer noch weit entfernt. Dabei, das möchte ich betonen, gibt es Gesellschaften, in denen das bisher schon möglich war.

Hierzulande aber haben wir uns leider immer noch mit Dingen herumzuschlagen, wie zum Beispiel den Freiburger "Stadtkurier", der lieber auf seinen Seiten Werbung für faschistoide Vereinigungen erlaubt und ausgerechnet den Schwulen Intoleranz vorwirft, wenn sie dieses Verhalten kritisieren.

Reiner Hess

Hurra, wir leben noch

Bericht eines HIV-positiven Schwulen

Vor 16 Jahren erhielt ich den Befund: "Du bist HIV- positiv"!

Es traf mich wie ein Blitz, mitten in ein bis dahin relativ unbeschwertes und problemloses Leben. - Ich hatte mich gerade neu verliebt. Mein neuer Freund und ich wollten die Gewißheit haben, daß mit uns alles in Ordnung ist. War es doch gerade die Zeit, in der man immer häufiger in den Medien Neuigkeiten über die neue, tödlich verlaufende Krankheit AIDS erfuhr. Zuvor hatte ich schon einige Tests gemacht. Deswegen war ich mir sicher, bei mir kann da gar nichts sein. Dann, der Befund, du bist HIV-positiv!

Zunächst brach eine Welt für mich zusammen. Ich hatte doch noch so viel vor in meinem Leben. Ich war gerade frisch verliebt, voller Ideen und Elan, mein Leben zu gestalten. Erste Fragen bedrängten mich Wie lange wirst du noch leben? Wie wird sich die Krankheit bei dir auswirken? Wie wird mein neuer Freund mit der Tatsache umgehen? - Ich weiß noch so gut als wäre es gestern gewesen, wie ich einige Tage nach dem positiven Befund über eine blühende Wiese ging und mich fragte, werde ich diese schöne Wiese nächstes Jahr wieder erleben können? Zum ersten mal in meinem Leben war ich nun gezwungen, mich intensiv mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Es wollte nicht heraus aus meinem Kopf.
Ständig kam der Gedanke, dass bald alles vorbei sein kann.

Dann aber, und das entspricht wohl meinem Naturell, kam in mir ein kämpferischer Gedanke auf. Ich wollte nicht aufgeben und der Krankheit keine Chance geben. Wenn ich schon positiv war, so wollte ich auch positiv im Denken sein. Über Jahre hinweg stellte ich mich morgens vor den Spiegel und sagte zu mir und meinem "neuen Untermieter": "Bei mir hast du keine Chance! Mich schaffst Du nicht!" Ich denke auch heute noch, dass mir diese Haltung sehr viel geholfen hat. Das heißt nicht, dass die ganze Situation dadurch einfacher wurde. Allerdings hatte ich in mir dadurch einen gewissen Trotz aufgebaut, der mir half, stärker zu sein als ich es eigentlich war.

Nun hieß es aber, mit dem Positivsein umzugehen, und da taten sich erneut Probleme, Ängste und Unsicherheiten auf. Mit meinem neuen Freund lernte ich erst mal was es heißt, "Safe Sex" zu betreiben. Ständig war zumindest bei mir im Hintergrund die Angst, den anderen eventuell anzustecken. Im Gegensatz zu mir ging mein damaliger Freund erfreulich locker und offen mit der Problematik um. Und doch trennten wir uns zwei Jahre später. Ich bin bis heute der Meinung, mein Positivsein und die daraus resultierende Angst beiderseits waren der Grund dafür. Diese Angst habe ich bis zum heutigen Tag behalten und lebe deshalb seither nahezu zölibatär.

Mir war klar, ich kann nicht ganz allein mit der Situation umgehen. Ich brauche Menschen, mit denen ich offen über mich und meine Krankheit reden kann. Und darüber, ob es mir gut oder schlecht geht. Die zentrale Frage war, wem kann ich mich wirklich anvertrauen. Wie werden Verwandte und Freunde reagieren? Glück hatte ich bei meiner Familie. Meinen Eltern gestand ich es zuerst. Sie waren zwar bestürzt, standen aber von Anfang an hinter mir. Nach und nach erzählte ich es dann auch meinen Geschwistern mit gleichem Ergebnis.

Schwieriger war es da bei meinen Freunden. Nachdem ich anfänglich nur einigen wenigen davon erzählte, zeigte sich doch, dass sich ein großer Teil von mir abwandte und nichts mehr von mir wissen wollte. Mir wurde schnell klar, dass ganz genau zu überlegen und abzuwägen ist, wem man die Wahrheit sagen kann und wem nicht. Heute noch, 15 Jahre später, ist es ein Wagnis, sich jemandem mitzuteilen. Da bin ich nach wie vor sehr, sehr vorsichtig. Vor allem am Arbeitsplatz will ich nicht, dass jemand Bescheid weiß, schon allein deshalb, weil mir ein berufliches Weiterkommen dann verwehrt wäre. Die Überlegung seitens des Arbeitgebers wäre: "Was sollen wir denn in den noch investieren?".

Nun begann mein eigentliches Leben mit dem Virus. Da waren zunächst die noch spärlichen Medikamente mit ihren Nebenwirkungen, der Blick auf die T4-Zellzahlen nach jedem Arztbesuch und später dann das Bangen um die Viruslast. Es kamen mit der Zeit mehrere Medikamente, auf die auch ich große Hoffnung setzte. Am Ende mußte ich sie aber auf Grund ihrer Nebenwirkungen wieder absetzen. Was konnte ich jetzt noch einnehmen? Gibt es noch etwas für mich? Wird noch etwas Neues, Besseres kommen? - Ich hatte mit Übelkeit, Durchfall und nervlichen Erkrankungen (Neuropathien) zu kämpfen. Oft schleppte ich mich zur Arbeit, wenn andere schlicht zuhause geblieben wären, vor lauter Angst, es könnte doch mal eine Vermutung aufkommen. Wie oft kam mir der Gedanke, wie viel einfacher haben es doch andere mit einer "gesellschaftlich akzeptierten" Krankheit. Sie können mit Verständnis und Mitgefühl rechnen.

Da waren die schweren Beine, die Müdigkeit und Muskelschmerzen, Probleme mit dem Magen und noch so einiges mehr, was einem oft das Alltagsleben zur Hölle machte. Da war aber auch das Wissen, daß ich trotz allem diese Medikamente nehmen mußte. Schließlich hoffte ich ja, daß sie mir das Überleben sichern. Zumal nun die Zeit kam, in der einer nach dem anderen im Freundes- und Bekanntenkreis dahinstarb. Und jeder Tod eines Freundes oder Bekannten drängte mir wieder meine eigene Angst vor dem Sterben auf. Es ging nicht mehr, wie anfänglich ziemlich erfolgreich, den Gedanken zu verdrängen. Zur Trauer über den Verlust eines lieben Menschen kam die Frage, wie lange ich selbst es noch schaffen würde. Es begann eine Zeit des "In-mich- Hineinhorchens". Da wurde jedes vielleicht noch so unbedeutende nächtliche Schwitzen Anlaß zu Panik. Das positive Denken wurde immer schwerer.

Da kamen aber auch die Jahre, in denen AIDS und HIV in den Medien ihren fest verankerten Platz hatten, positiv wie auch negativ. Es war ein ständiges Auf und Ab zwischen Hoffnung und niederschmetternden Horrorgeschichten. Oft wollte ich am liebsten gar nichts davon hören. Auf der anderen Seite gab's aber auch ein von Dr. Rump an der Uniklinik durchgeführtes Patientenseminar, welches mir damals sehr wohltat. Hier erhielt ich aus erster Hand kompetente und gut gebündelte Informationen, die ich so notwendig brauchte.

Auch war mir die Positivengruppe in der Aids-Hilfe eine willkommene Gelegenheit zum Austausch mit Leidensgenossen und -genossinnen. Hier standen für mich mein eigener Informationsanspruch, aber auch, das Mal-darüber-reden-können im Vordergrund. Zumal für mich nun eine Zeit da war, in der ich mich oft einsam fühlte. Sicher, ich habe inzwischen Freunde, mit denen ich offen über alles, was mit meinem HIV zu tun hat, reden kann. Doch hat sich gerade für mich ein ganz persönliches Problem aus dem Positivsein entwickelt. Über Jahre hinweg hatte ich keinen Sex mehr. Zum einen wohl, weil mir immer die Angst im Kopf steckt, ich könnte doch mal jemanden anstecken. Zum anderen aber auch, weil es heute immer noch nicht einfach ist, sich in der Szene zu outen.

Willst du Safe Sex, weil einer positiv sein könnte (Man kennt sich ja vielleicht noch nicht so genau), so ist das in Ordnung. Willst du aber Safe Sex, weil du positiv bist, dann läuft der andere auf und davon. Noch immer, so meine ich, ist das Versteckspiel gerade in der homosexuellen Szene am größten. Die Gefahr stigmatisiert zu werden, hat leider nicht abgenommen. Dies ist ein Punkt, unter dem ich nach so vielen Jahren mit HIV am meisten leide.

Bleibt als Resümee, daß man die Infektion und AIDS jetzt zwar langsam als chronische, aber behandelbare Krankheit ansehen kann. Das gibt mir auch eine gewisse Hoffnung für mich selbst und innere Befreiung. Der Todesgedanke ist nicht mehr der prägnanteste. Was bleibt, ist die Angst vor immer neuen, noch nicht bekannten Nebenwirkungen der Medikamente. Heute scheint manchmal nicht so sehr der Kampf gegen das Virus das Problem zu sein. Der Kampf mit und gegen die unzähligen und oft nicht vorhersehbaren Nebenwirkungen zehren an meinen Kraftreserven.

Der Welt-AIDS-Tag ist ein Tag des Erinnerns an diejenigen, die an AIDS verstorben sind. Er ist ein Tag der Solidarität mit den HIV-positiven Menschen und ihren Angehörigen. Da, so ist mein Wunsch, könnten die Schwulen untereinander (wieder) mehr tun. Das Wissen, dass ein HIV-Positiver ein Mensch ist und nicht eine Gefahr, hat sich leider bis heute nur unzureichend durchgesetzt.

R. T.