"Das Thema Schwule wird auf Aids reduziert", beschrieben Axel Weuster und Rainer Hess von der Schwulengruppe "Rosa Hilfe" die Wende. Die Selbsthilfegruppe für Homosexuelle, die sich den Rosa Winkel, "Brandmal" der Nationalsozialisten für die Homosexuellen, als Emblem gewählt hat, will Informationen und Beratung von Schwulen für Schwule anbieten. Seit vier Jahren betreibt die Gruppe das "Rosa Telefon", bei dem 300 Anrufer im Jahr Rat suchen, und eine "coming out"-Gruppe. Die Beratung ist dringend erforderlich, berichten die Männer von der "Rosa Hilfe", Homosexualität sei nach wie vor mit Angst, Schuld und Scham besetzt, sie erzählen von Selbsttötungsversuchen, von den Ängsten, die einer erleidet, wenn er glaubt, schwul zu sein, vom Stigma "schwul" und vom Lebensbild eines "Dr. Jekyll und Mr. Hyde". ...
"Nicht viel. In bestimmten Punkten sind wir nicht weiter gekommen als zu dem Punkt, an dem die Schwulenbewegung in der Weimarer Republik bereits war" meinen Axel Weuster und Rainer Hess. Noch immer gibt es den Paragraphen 175 im Strafgesetzbuch (Verbot homosexueller Handlungen an unter 18jährigen), der die gleichgeschlechtliche Liebe unter Männer bestraft; noch immer gibt es die Diskriminierung bei der Vergabe von Wohnungen und Jobs, bei der Entscheidung über Posten und Karrieren; noch immer haben die etablierten Parteien stets Terminschwierigkeiten, wenn sie von den Schwulen zu Diskussionen eingeladen werden; noch immer gibt es bei den kommunalen Größen, die für jedes Vereinsfest Zeit haben, die Vertreter der Schwulen aber abblitzen lassen, Berührungsängste und Vorurteile (bei Männern ist dies übrigens ausgeprägter als bei Frauen). "Uns wird nicht einmal eine Absage geschickt, die Briefe der Rosa Hilfe bleiben unbeantwortet", empören sich die Vereinsvertreter, "von Unterstützung und Zuschüssen erst gar nicht zu reden."
Die Hatz auf Minderheiten ist gefahrloser geworden, die Gewalt und die Hetze gegen Schwule nehmen mit dem Anwachsen der Rechten zu, stellt die "Rosa Hilfe" erschreckt fest. ...
Die Gerüchte halten sich hartnäckig, daß die Polizei "Rosa Register" führt, in denen all die aufgelistet sind, deren Personalien in der schwulen Subkultur und an Homosexuellen-Treffpunkten aufgenommen wurden. "Wo sonst hat die Polizei über Nacht Adressen von 30 Schwulen in Freiburg her", fragt Axel Weuster. Eine Antwort erwartet er nicht. "Allen Dementis zum Trotz. Wir wissen, daß es Rosa Listen gibt." ...
Auch wenn innerhalb der Schwulenbewegung die Diskussion um die Strategien Anpassung oder Provokation noch läuft, sind sie sich doch mit Rosa von Praunheim einig, daß nicht das Verhalten des Homosexuellen pervers ist, sondern die Situation, in der er lebt. Ziel und Utopie der "Rosa Hilfe": "Vielleicht ist es eines Tages selbstverständlich, daß zwei Männer händchenhaltend auf der Straße gehen..." Vielleicht ist es irgendwann den anderen wirklich piepegal, ob der Herr Müller oder der General schwul ist oder nicht."
Quelle: „Nicht der Schwule ist pervers, sondern seine Situation...“ aus der Badischen Zeitung von Petra Kistler, 31.07.1989