40 Jahre

1986

SAS Treffen

26. - 29. September
#aktivismus
Die Schwule Aktion Südwest trifft sich in Freiburg

Kommentar zum SAS Treffen:

"FREIBURG, 1. Oktober 1986

An die politischen Schwestern der Republik

"WENN ICH EINE PISTOLE IN MEINEM HANDTÄSCHEN GEHABT HÄTTE,
ICH HÄTTE SIE ALLE ERSCHOSSEN UND IHNEN DIE EIER ABGESCHNITTEN"
(Kommentar zum SAS-Treffen Herbst 86)

PISTOLE (statt dessen)
Es hat sich mal wieder gezeigt, daß sich das Kaffeklatsch-Selbstverständnis der SAS voIl durchgesetzt hat. Gegen die wiederholten Versuche, die SAS zu politisieren, haben Dummheit und politische Ignoranz einen Sieg davongetragen.

Es ist ja auch nicht verwunderlich (angesichts der derzeitigen politischen Tendenzen), daß sich selbst sogenannte Bewegungsschwestern redlich Mühe geben, ein Maximum an Anpassung und Konformismus an den Tag zu legen. Dieser Opportunismus entblödet sich noch nicht einmal mehr, die "positiven" Aspekte der Sicherheitsgesetze herauszustellen (was sogar dem SPD-Referenten zu diesem Thema ein ungläubiges Kopfschütteln entlockte.)

Die völlige Konzeptions- und Lustlosigkeit hinsichtlich der politischen Arbeit seitens der südwestdeutschen Schwestern fand ihre Entsprechung in einem Plausch über den Bundesverband. Die SAS hat eine Entscheidung unter dem Vorwand des Delegationsprinzips verhindert, und das ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine substantielle politische Entscheidung hätte getroffen werden können. Diese Entscheidung hätte bedeutet, den Bundesverband abzulehnen. Offensichtlich hatte die Mehrheit der SAS-Teilnehmer jedoch Muffelsausen davor, Verantwortung für sich zu übernehmen und einer eventuell vorhandenen persönlichen Meinung in einer relevanten Form Ausdruck zu verleihen.

Ein durchaus in sich logisches und konsequentes Verhalten, wenn man an die Aktivitäten der SAS in Bezug auf staatlichen Umgang mit Homosexualität, AIDS, Sicherheitsgesetze, usw. denkt.

Immerhin war Günter Dvorek in der Lage, durch seine Diskussions- und Abstimmungspolitik die Meinung des Gros der SAS-Teilnehmer auf einen Punkt zu bringen, was die unerquickliche Diskussion nicht nur erheblich verkürzte, sondern uns auch ermöglichte, uns aus der SAS zu verabschieden.

Das Stimmvieh der SAS sollte sich nicht der Illusion hingeben,
durch die Verweigerung einer Entscheidung die Einbindung der SAS in den Bundesverband verhindert, oder bestenfalls aufgeschoben zu haben. Es muß wohl nicht weiter ausgeführt werden, daß die SAS als Scheinbasis für 1 oder 2 Schwule aus dem Südwesten dienen soll, um Sitz und Stimme in einem höheren Gremium des Bundesverbandes zu erlangen.

Genug gezetert oder auch nicht:

WIR WOLLEN MEHR!
- keinen zentralistischen Bundesverband mit Funktionärswesen
- keine Ausgrenzung von Minderheitenpositionen
- keine Integration in dieses Gesellschaftssystem
- und keine Reproduktion von hetero/bürgerlichen Verhaltensmustern

sondern

- bewußt gelebte Opposition
- Aufarbeiten der eigenen Sexualität (Sexualität und Herrschaft, Sexualität und Gewalt, Sexualität und Ökonomie, sich nicht mittels Aids am eigenen Arsch vorbeizudrücken, und keine Reproduktion des Hetero Monogamie-Miefs)
- Loslösung und Negierung von religiösen Moral und Wertvorstellungen

Wir fordern alle politisch denkenden Schwulen, die sich mit unseren Forderungen identifizieren können, auf, mit uns zur Gründungsversammlung (31. 1o bis 2.11) nach Köln zu fahren, um in möglichst massiver Form eine Gegenposition zu vertreten. Auch wenn wir die Gründung nicht werden verhindern können, wollen wir versuchen, mit Gleichgesinnten eine Möglichkeit zur überregionalen Zusammenarbeit zu schaffen, in Opposition zum Bundesverband."

Bei der hier geäußerten Opposition der Rosa Hilfe Freiburg innerhalb der SAS handelte es sich nicht um ein einmaliges Phänomen, auch beim Treffen 1989 in Ulm traten Vertreter kontrovers auf und krisitierten vor allem Positionen zur Schwulen Ehe (siehe den angehängten Offenen Brief).