40 Jahre

1973

Raus aus den Toiletten! Rein in die Straßen!

10. Dezember
#aktivismus
Rosa von Praunheims Film ,,Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt"

Ein wichtiger Meilenstein bei der Etablierung einer neuen schwulen Emanzipationsbewegung in der BRD in den frühen 1970er Jahren war neben der Rezeption der Stonewall Riots in den USA und der Entschärfung des Paragraphen 175 die Fernseh- Ausstrahlung von Rosa von Praunheims Film ,,Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt" im Jahr 1973. Der Regisseur plädiert für ein Ende des Versteckens vor der Mehrheitsgesellschaft und ein selbstbewusstes Auftreten schwuler Männer.

So heißt es im Film: ,,Wir schwulen Säue wollen endlich Menschen werden und wie Menschen behandelt werden. Und wir müssen selbst darum kämpfen. Wir wollen nicht nur toleriert, wir wollen akzeptiert werden. (...) Es geht nicht nur um Anerkennung von Seiten der Bevölkerung, sondern es geht um unser Verhalten unter uns. Wir wollen keine anonymen Vereine! Wir wollen eine gemeinsame Aktion, damit wir uns kennenlernen und uns gemeinsam im Kampf für unsere Probleme näherkommen und und lieben lernen. Wir müssen uns organisieren. Wir brauchen bessere Kneipen, wir brauchen gute Ärzte und wir brauchen Schutz am Arbeitsplatz. Werdet stolz auf Eure Homosexualität! Raus aus den Toiletten! Rein in die Straßen! Freiheit für die Schwulen!"

(Zitat nach: Grumbach, D.: Was heißt hier schwul? Politik und Identitäten im Wandel, Hamburg 1997, S. 22.)

Am 10.12.1973 berichtet die Badische Zeitung unter der Überschrift ,,Tabus, Ängste und Moral" über eine Aufführung des Films durch das Komunale Kino, die gemischte Reaktionen ausgelöst habe: ,,Praunheims Film blieb nicht unkritisiert. "Bei den sogenannten Normalen“, sagte eine Frau, "erzeugt dieser Film eher Ekel als Verständnis.“ Ein Homosexueller dagegen: "Ja, aber treffender kann man die Situation kaum schildern. Praunheim hat bewußt ein besonders krasses Bild entworfen.“ Und diese krasse Darstellung der "perversen Situation", in der der Homosexuelle in unserer Gesellschaft leben muß,, hat, wie es die Diskussion zeigte, viel "Stoff" geliefert, diese Fragen zu klären."